Auf dem Papier war die Lage von Leon unauffällig. Zehn Jahre, gute Noten, kein “auffälliges Verhalten”. In den Pausen stand er am Rand, im Klassenchat wurde er regelmäßig Zielscheibe von Sprüchen. Zu Hause sagte er: “Ist nicht so schlimm.” In der Nacht knirschte er mit den Zähnen. Solche Geschichten hört Sifu Frank Durst im Zentrum DURST-AKTIV in Lich jede Woche. “Viele Eltern kommen mit dem Satz: ‘Er soll sich wehren können'”, sagt der erfahrene Kampfkunstlehrer und Gesundheitsreferent. “Wenn wir genauer hinschauen, merken wir: Das Kind soll nicht ‘kämpfen lernen’ – es soll aufhören, sich ständig kleinzumachen.”
Selbstbehauptung ist mehr als „zurückschlagen"
Wenn Erwachsene von Selbstbehauptung sprechen, denken sie oft an körperliche Auseinandersetzungen: Schulhofschubsereien, Rangeleien im Bus, den berühmten “ersten Schlag”. Für Kinder geht es im Alltag um etwas anderes: um die Fähigkeit, früh zu merken, dass etwas nicht stimmt – und dann klar und angemessen zu reagieren, bevor es eskaliert. “Selbstbehauptung heißt nicht, dass Kinder zu kleinen Rächern ausgebildet werden”, betont Durst. “Es heißt, dass sie lernen, ihre Grenzen wahrzunehmen, zu benennen und Hilfe zu holen, bevor sie innerlich zumachen oder explodieren.”
Dazu gehören drei einfache, aber weitreichende Bausteine:
- Kinder müssen spüren, dass ihre Wahrnehmung ernst genommen wird (“Das war mir zu viel”, “Der Ton hat mir Angst gemacht”).
- Sie brauchen Worte, mit denen sie ihre Grenze klar und ohne Entschuldigung markieren können.
- Sie brauchen die Erfahrung, dass Erwachsene diese Grenze unterstützen, statt sie zu relativieren.
“Wenn wir Kindern beibringen, dass sie übertreiben, empfindlich sind oder sich ‘nicht so anstellen sollen’, trainieren wir sie systematisch weg von der Selbstbehauptung”, sagt Durst. “Das ist das genaue Gegenteil von Schutz.”
Zwischen Mobbing und Missverständnis
Der Alltag an Schulen und auf Spielplätzen ist komplexer geworden. Konflikte sind nicht neu – neu sind ihre Verlängerungen: Klassengruppen in Messengern, Videos, die in Sekunden geteilt werden, abwertende Memes, die über WhatsApp oder TikTok im Kinderzimmer landen. Viele Kinder haben gelernt, wie man die Medien bedient. Aber nur wenige haben gelernt, wie sie sich selbst in dieser Welt behaupten können.
Rituale statt Sprüche
Im DURST-AKTIV Zentrum in Lich lernen Kinder keine hohlen Parolen, sondern körperlich verankerte Rituale. Eine wichtige Rolle spielt die sogenannte Stopp-Linie: Das Kind stellt sich hin, Füße stabil, Hände offen vor dem Körper, Blick nach vorne. Der Satz dazu ist kurz und klar: “Stopp. Bis hier.”
Eltern als Verstärker, nicht als Störquelle
Ein häufig unterschätzter Faktor ist das Verhalten der Eltern. Sie können die Selbstbehauptung ihrer Kinder massiv stärken – oder unabsichtlich sabotieren. “Wenn Eltern alles sofort für das Kind regeln, lernt das Kind: Ich kann es nicht”, erklärt Durst. “Wenn Eltern das Kind konsequent allein lassen, lernt es: Ich bin nicht wichtig.”
Was Eltern jetzt tun können
- Kinder ernst nehmen, wenn sie von Unwohlsein, Angst oder blöden Situationen erzählen – nicht herunterspielen.
- Zuhause klare, einfache Sätze üben: “Stopp. Bis hier.”, “Ich will das nicht.”, “Lass das.”
- Die eigene Reaktion prüfen: Unterstütze ich mein Kind, wenn es sich behauptet – oder bremse ich es aus?
- Auf Angebote vor Ort achten: Selbstbehauptungskurse, kindgerechte Kampfkunst mit Präventionsfokus, Projekte an Schulen und Vereinen.
“Wenn wir Kindern beibringen, dass sie übertreiben, empfindlich sind oder sich ‘nicht so anstellen sollen’, trainieren wir sie systematisch weg von der Selbstbehauptung”, sagt Durst. “Das ist das genaue Gegenteil von Schutz.”
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